Franken

Wallfahrt zur Heiligen Pille

Wo wird man gesund? Beim Arzt, sagen manche. Im Tempel, glauben andere. Am Tag vor Pfingsten, am letzten Spieltag der 50. Saison der 1. Fußballbundesliga, begaben sich 46.157 Menschen auf Wallfahrt zur Heligen Pille, auf Pilgerreise in den Fußballtempel, hinein ins Allerheiligste, ins Fankenstadion. Es war der 18. Tag des Marienmonats Mai anno Domini 2013.

Max Morlock, Spielführer der Meistermannschaft 1961. Anzeigentafel im Nürnberger Stadion.
Max Morlock: Arme zur Meisterschale

Die Pillendreher der Fußball-Apotheke

Herbert Lieden und Heribert Handwerk im Frankenstadion.
Herbert Liedel – Heribert Handwerk

Gegenüber standen sich der 1. FC Nürnberg und der SV Werder Bremen. Unter den Wallfahrern auch Verleger Thomas Häußner und Lektor Heribert Handwerk vom Würzburger Echter Verlag, die einen bemerkenswerten Zweig innerhalb der pharmazeutischen Wissenschaft begründet haben. Sie animierten nämlich Herbert Liedel, Frankens vielleicht renommiertesten Landschafts- und Fußballfotografen, und den Theologen und Schriftsteller Georg Magirius zu einem Wort-Bild-Dialog über die Heilkraft des Fußballs.  Ergebnis? Die sogenannte Fußball-Apotheke, In ihr finden sich Pillen, die auch vermeintlich unheilbare Gebrechen in Freude transformieren können.

Eintritt ins Allerheiligste

Thomas Häußner, Georg Magirius, Herbert Liedel - die Pillendreher der Fußball-Apotheke.
Die Pillendreher der Fußball-Apotheke.

Ehe man sich aber auf der Suche nach der alles verwandelnden Pille ins Allerheiligste begab, trafen Liedel und Magirius am Max-Morlock-Treff erstmals zusammen. Nein! Um exakt zu sein: Beim Austausch über neue Ingredienzien, deren Wirkmacht wiederum oft in altüberlieferter Weisheit gründen, stellte man fest: Schon 1978 beim Spitzenspiel in der 2. Bundesliga Süd zwischen Darmstadt 98 und dem Club befand man sich an einem Ort, der nicht nur profan zu nennen ist, nämlich am Böllenfalltor. 35 Jahre später flanierte man an den Eingängen diverser Heiligenkapellen entlang, etwa der von Schorsch Volkert oder Roland Wabra , um sich einer frankenüberschreitenden Geschmacks-Communio hinzugeben: drei im Weckla.

Rang 16 – Kapelle Hans Sutor: “Er spielt zum Küssen schön” (Kicker, 1924)

Auszug aus der Fußballapotheke, Foto: Herbert Liedel.

Heil-Bildner Liedel wagte sich nun direkt an den Heiligen Rasen, die anderen Apotheker wählten die Methode Überblick. Auf der Suche nach neuen Erkenntnissen bezüglich der runden Arznei saß man in Block 16, in der Kapelle Hans Sutor („Er spielt zum Küssen schön“, Kicker 1924). Überblick ermöglicht Abstand, gewiss nicht die schlechteste Variante eines Tempelgangs. Schließlich ist religionsphänomenologischen Untersuchungen zufolge die therapeutische Kraft des Heiligen auf eine alles andere als harmlose Weise mit dem Erschrecken verknüpft. Wenn der Geist des Heligen weht, kommen Urkräfte ins Spiel: Feuergeist und Rotwind, ein vieltausendfach wehendes Fahnen- und Feuerzungenmeer, dessen Struktur womöglich erst dann als rauschhaft und berauschend zu erkennen ist, wenn man nicht so tut, als ob es die Macht des Chaos nicht gäbe.

Vor dem Anpfiff im Frankenstadion die Fahnenzeremonie.
Vor dem Anpfiff: Huldigung der Heiligen Pille durch Fans und Fahnenschwenken.

Allen Verlusten zum Trotz: Der Anfang

Und dann? Spieler laufen ein, sie winken. „Am Anfang gleicht das Spiel vom Leben einer weißen Fläche – wie beim Roulette. Allen Verlusten zum Trotz hat man schon wieder den Einsatz gewagt. Und die Fans im Stadion glauben an die Kraft des Neubeginns – im Augenblick des Pfiffs.” (Georg Magirius, Die Fußballapotheke, Tablette Nr. 6) Aber wo ist er nun, wo lässt er sich denn blicken, der Mittelpunkt von allem, der weit mehr und größer ist als nur ein Punkt und dazu auch noch extrem beweglich?

Fliegender Nürnberger Spieler im Frankenstadion. Schlittender Bremer Spieler am Boden.
Die Pillenpriester im Allerheiligsten: schwebend und schlitternd.

Schwebender Jubel

Jubel der Nürnberger nach dem Siegtreffer zum 3:2 gegen Werder Bremen.

Die Pille, von den Spielern initiiert, schwebte. Die  Spieler wiederum, von der Kugel inspiriert, gerieten zuweilen selbst ins Schweben. Außerdem: „Die Sehnsucht trägt den Ball ins Tor – und genau in diesem Augenblick erscheint das Puzzle vollendet, ist die Sehnsucht am Ziel und aller Schmerz fällt ab, Sehnen und  Erfüllung kommen für einen fantastischen Moment zusammen.“ (Georg Magirius, Die Fußballapotheke, Tablette Nr. 23). Fünf Mal gab es die große Lösung an diesem Tag. Ein Tempelfest! Das aber nur möglich war, weil nicht alle für alles sein wollten, sondern bereit zur Trennung. Denn die Arznei des Spiels wirkt dank Widerspruch und Unterscheidung. Bewegung war möglich, weil es Grüne und Rote gibt. Die einen jubelten zwei, die anderen drei Mal. Und in der Ungleichzeitigkeit des Jubels wurde alles eins.

Die Fußball-Apotheke

Die Fußball-Apotheke, Fromme Pillen für Fans, Echter Verlag. Würzburg. Seit der Fußball-EM 2012 liegt die Fußball-Heilkunst auch auf Polnisch vor: Futvol najlepszy na wszystko. Pigułki z apteki kibica, Warschau 2012. Die Wallfahrt zum Nürnberger Stadion kurz vor Pfingsten, an dem das Sprachwunder gefeiert wird, war auch ein Taktiktreffen. Behandelt wurde u.a.: In welchen Sprachen wird die Fußball-Apotheke bei künftigen Fußball-Großereignissen erscheinen?